Goethes Farbenlehre – Das Phänomen der Farbentstehung

Text und Fotos: Norbert Liszt

Es gibt zwei gegensätzliche Lehren über die Farben: die Farbenlehre Goethes und die Newtons. Newton ging davon aus, dass das Licht etwas Zusammengesetztes ist und aus farbigen Lichtern besteht. Sind die Farben gemischt, verschwinden sie und es herrscht Farblosigkeit. Durch einen Kunstgriff in Form eines Primas oder einer Lupe kann man die einzelnen Farben zur Erscheinung bringen. Allerdings erscheinen sie für unser Auge erst auf einer Reflexionsfläche.

Wie viele von uns lernte Goethe Newtons Farbenlehre in der Schule kennen und zweifelte nicht an deren Richtigkeit. In reiferen Jahren lebte er sich in diverse Bereiche der bildenden Künste ein. Die Gemälde der großen Künstler machten ihm bewusst, dass Farben einen Charakter haben und in unterschiedlicher Art auf uns wirken. Gelb hat einen strahlenden Charakter, Blau dagegen wirkt ganz anders. Auf die Frage, was in den Farben lebt, konnte ihm Newtons Lehre keine Antwort geben. Also beschloss er, den Versuch, auf den sich die Lehre Newtons gründet, selbst zu machen.

Von Hofrat Büttner, einem in Jena lehrenden Philosophieprofessor aus Göttingen, erhielt er ein Prisma. Goethe wollte den Versuch genau nach Vorschrift machen. Dafür fehlte nur noch die Herstellung eines dunklen Raumes und ein Loch im Fensterladen. Doch die dunkle Kammer kam nicht zustande, da Goethe in dieser Zeit viel zu tun hatte. Das Prisma stand verpackt in einem Kasten. Als dann Hofrat Büttner sein Prisma zurückverlangte, wollte Goethe doch noch einmal schnell durchschauen. Er hielt das Prima gegen eine weiße Wand und erwartete, auf dieser farbige Lichter zu sehen. Doch die Wand blieb weiß.

Nur wenn er auf etwas Dunkles stieß, erschienen die Farben mit strahlender Leuchtkraft. Er musste nicht lange überlegen, um zu erkennen, dass eine Grenze, an der Helles und Dunkles zusammentreffen, notwendig ist, dass Farben entstehen und kam sehr bald zu der Erkenntnis: Helles muss sich über Dunkles oder Dunkles über Helles legen, damit Farbe entsteht.

An der Grenze zeigen sich jedoch nicht alle Farben. Legt sich Dunkles über Helles entstehen rote, orange, gelbe Farbtöne. Umgekehrt, legt sich Helles über Dunkles, bekommt man einen türkisen, blauen, violetten Farbverlauf zu sehen. Durch das Prima kommt es zu einer Ablenkung des Lichts, das von der Oberfläche zurückstrahlt, wodurch sich jetzt an der Grenze eine Unschärfe zeigt, an der sich Helles mit Dunklem mischt. Doch bilden sich nun, oh Wunder, keine Grautöne, sondern leuchtende Farben.

Dunkles über Helles

Helles über Dunkles

Das führte ihn zur Einsicht, dass nicht das Prisma der ursprüngliche Faktor der Farbentstehung ist, sondern das Zusammentreffen von Licht und Finsternis. Das Prisma ist nur das Mittel, das durch Ablenkung und Streuung die Farben hervorlockt. Nur wenn eine Grenze vorhanden ist, an der sich Helles und Dunkles begegnen, treten die Farben in Erscheinung. Das Grundphänomen der Farbentstehung war gefunden.

Dieses Bild zeigt ein abgedecktes Prisma: Das Licht geht durch den mittleren Bereich. An den Rändern der Abdeckung ergeben sich die Farben durch Brechung. Ist die Reflexionsfläche in der Nähe des Prismas, sieht man links blau/violette Farbtöne und rechts rot/gelbe. In der Mitte herrscht Farblosigkeit. Erweitert sich der Abstand, verschwindet die farblose Mitte, folglich mischen sich Gelb und Blau zu Grün.

So begann es mit seiner Farbenlehre, die zu Goethes größtem Werk wurde. Es umfasst 5 Bücher: 1. Didaktischer Teil, 2. Vorarbeiten, 3. Polemischer Teil, 4. und 5. Historischer Teil

Taten und Leiden des Lichts

Goethe kam zu der Erkenntnis: „Farben sind Taten und Leiden des Lichts.“ Was das Licht ist, das können wir in seiner Gesamtheit nicht erfassen. Was wir erfassen können, ist, dass es die Welt erhellt. Das reine Licht trifft auf stoffliche Mittel – Luft, Wasser, feste Stoffe. Und durch alles, was sich dem Licht entgegenstellt, wird dem Licht etwas entnommen. Was zurückstrahlt, ist nicht mehr das reine Licht. In der Begegnung mit den sie verfinsternden Mitteln erleidet das Licht eine Veränderung und dieses Leiden des Lichts schenkt uns die Farben.

Goethes Farbenlehre geht also davon aus, dass Licht etwas Einheitliches ist und die Farben erst dann auftreten, wenn das Licht mit Dunkelheit in Beziehung tritt. Goethe erkennt: „Die Farben entstehen am Licht, nicht aus dem Licht, wie Newton es dargestellt hat. Am Licht zeigt sich die innere Struktur des stofflichen Mittels.

„Licht ist das einfachste, unzerlegteste, homogenste Wesen, das wir kenne“, ist seine Überzeugung. „Es ist nicht zusammengesetzt“. Somit sind Licht und Finsternis für ihn zunächst geistige Entitäten.

Wir können weder Licht noch Finsternis direkt wahrnehmen. Erst im Hell- und Dunkelwerden unserer Umgebung und im Erscheinen und Vergehen der Farben, nehmen wir die Wirkungen von Licht und Finsternis wahr. Die Erde empfängt die unsichtbaren, reinen Strahlen des Sonnenlichts und verwandelt sie für unser Auge in einen farbigen Abglanz.

Fortsetzung in der nächsten Ausgabe: Licht und Finsternis – Atmosphärische Farben

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